Ingenieure: Arbeiten im realen und virtuellen Umfeld
Der Ingenieur testet ein Auto im virtuellen Windkanal, während seine Kollegin nebenan mit Datenexperten unterschiedliche Szenarien im Straßenverkehr auswertet, auf die ein Fahrzeug später eigenständig reagieren soll. Das Ganze spielt sich ab, noch bevor es einen echten Prototyp des Autos gibt. Bis ein neues Modell im Prüfstand steht, findet vieles in der virtuellen Welt statt. Dadurch hat sich der Prozess von der ersten Idee bis zur Abnahme eines neuen Fahrzeugs stark verkürzt. Trends wie autonomes Fahren und die forcierte Entwicklung hin zu Elektromobilität verändern die Automobilbranche und mit ihr die Arbeitswelt der Ingenieurberufe. Neben technischen Aufgaben in der Entwicklung, übernehmen sie im Berufsalltag oft Koordinationsaufgaben an der Schnittstelle zu anderen Abteilungen oder Auftraggebern, wie die Analyse von Stellenangeboten für Ingenieurinnen und Ingenieure im Automotive-Bereich zeigt. Arbeitgeber wünschen sich hierfür erfahrene Fachkräfte, die nicht nur technisch stark sind, sondern auch teamfähig, kommunikativ und durchsetzungsfähig. Im Gegenzug locken sie mit vielen Extras.
Arbeitgeber befinden sich in einem Spagat: Sie müssen ihre Belegschaften fit für neue Aufgaben und Technologien machen; gleichzeitig wird es immer schwieriger, neue Fachkräfte mit dem benötigten Know-how zu finden. So meldete der Branchenverband VDI jüngst einen Rekordwert an offenen Stellen in Ingenieur- und Informatikberufen. Die größten Engpässe bestehen laut Institut der deutschen Wirtschaft in den Energie- und Elektroberufen, gefolgt von Maschinen- und Fahrzeugbau sowie in IT-Berufen. Zusätzlich bewegen sich die Recruiter der Automobilbranche verstärkt auch im IT-Bewerbermarkt, da sie für die Entwicklungsteams mehr IT-Expertinnen und-Experten brauchen als früher.
Für den DEKRA Arbeitsmarkt-Report wurden 350 Stellenangebote für Ingenieure in der Branche genauer untersucht. Ziel war es herauszufinden, welche Aufgaben sie bei ihrem zukünftigen Arbeitgeber übernehmen sollen und was diese von Bewerbenden erwarten. Die Stichprobe beschränkt sich nicht auf eine bestimmte Fachrichtung, sondern es wurde mit den Suchbegriffspaaren „Ingenieur Automobil“ oder „Ingenieur Fahrzeug“ gearbeitet. Die Stellenangebote adressieren in gut einem Drittel der Fälle Jobsuchende mit Spezialisierung auf Maschinen- und Fahrzeugbau und bei etwa zwei Dritteln auf Elektrotechnik (35,4 bzw. 64,6 %).
Tüftler und Organisationstalente
Ein neues Auto zu entwickeln, ist auch aus Prozess-Sicht komplex. Bis es fertig ist, greifen unterschiedlichste Disziplinen ineinander, die organisiert und koordiniert werden müssen. Die gesuchten Fachkräfte übernehmen an ihrem neuen Arbeitsplatz oft Aufgaben im Anforderungsmanagement und benötigen die erforderliche Erfahrung hierfür. An der Schnittstelle zwischen Auftraggeber und Entwicklung erheben sie beispielsweise die Anforderungen, prüfen diese oder stimmen sie im Entwicklungsteam ab. Sie sorgen dafür, dass die Entwicklung komplizierter Produkte, an denen stark arbeitsteilig gearbeitet wird, reibungslos und zügig läuft und ein Produkt am Ende die technischen Anforderungen und die Kundenerwartungen erfüllt. Die Aufgabe des Anforderungsmanagements findet sich in Stellenangeboten beider Fachrichtungen. Außerdem enthalten sie immer wieder die allgemeine Information, dass die gesuchten Ingenieurinnen und Ingenieure eine Schnittstellenfunktion zu anderen Abteilungen innehaben werden. Nicht ganz jede fünfte Fachkraft befasst sich an der ausgeschriebenen Stelle mit Betriebsorganisation und Kostenmanagement; Aufgaben, die verstärkt Mitarbeitende mit Spezialisierung auf Maschinen- und Fahrzeugbau übernehmen.
An jedem vierten Arbeitsplatz testen die gesuchten Ingenieure Fahrzeuge oder Komponenten. Da Kenntnisse häufiger in Offerten für Elektroingenieure vorkommen, dürfte es sich in der Regel um das Zusammenspiel elektronischer Komponenten im Fahrzeug sowie die Auswertung entsprechender Messdaten handeln. Immerhin sind in modernen Fahrzeugen sehr viele Sensoren verbaut, Tendenz stark steigend. Viele Tests, die in der Vergangenheit erst am realen Fahrzeug durchgeführt wurden, finden nun virtuell statt, was den Entwicklungsprozess erheblich beschleunigt. In gut jedem zehnten Stellenangebot erwarten Arbeitgeber, dass Bewerbende routiniert darin sind, Simulationen durchzuführen und auszuwerten. Auch die Testautomatisierung ist eine Aufgabe, die manche der gesuchten Fachkräfte beherrschen sollten (4,3 %).
In der Entwicklung befasst sich etwa jede sechste der gesuchten Fachkräfte mit elektrischen Antrieben. Sie sollten sich hierfür mit Steuerungs- und Regelungssystemen für elektrische Antriebe und Leistungselektronik auskennen; hier ist Know-how im Umgang mit Rapid Control Prototyping wichtig, einer Methode, mit der sie schnell entsprechende Systeme entwerfen, entwickeln und optimieren können. Außerdem wünschen Arbeitgeber immer wieder, dass diejenigen, die die Stelle innehaben, sich generell mit Regelungs- und Sensortechnik sowie Bussystemen auskennen (9,7 %). An immerhin 8,0 % der ausgeschriebenen Positionen befassen sich die Ingenieurinnen und Ingenieure mit Techniken für autonomes Fahren. Zum Vergleich: Nur in sieben Gesuchen fordern Arbeitgeber konkret Kenntnisse für die Entwicklung von Verbrennungsmotoren.
In der Automobilbranche gibt es sehr viele Standards, von Sicherheitsanforderungen über Regeln für Zulieferer bis hin zu Konstruktions- und Umweltstandards. Ein Teil der Arbeitgeber weist darauf hin, dass Jobsuchende die für ihren Bereich geltenden Vorgaben kennen müssen.
Fundierte IT-Kenntnisse nötig
Beschäftigte in Ingenieurberufen benötigen mit Blick auf zunehmend autonomere und vernetzte Systeme in Fahrzeugen gewisse IT-Kenntnisse und Erfahrung mit bestimmten Programmiersprachen. Auch wenn komplexe Programmieraufgaben Spezialisten übernehmen, müssen sie die Grundlagen beherrschen und das Zusammenspiel zwischen Soft- und Hardware verstehen. Softwaresysteme in Fahrzeugen müssen hochgradig sicher und verlässlich sein. Im Entwicklungsprozess gibt die Software- und Hardware-Architektur die Gestaltung der Systeme vor; sie beschreibt anfänglich noch eher abstrakt und dann immer feiner, wie das System gestaltet wird. Deshalb ist es wichtig, dass Kandidatinnen und Kandidaten Hardware- und Software-Architekturen auslegen können.
Ebenso oft sollten sie die Programmiersprachen C und C++ beherrschen, die u. a. für die Programmierung im Bereich Maschinensteuerung sowie webbasiert gesteuerter Geräte eingesetzt wird. Fachkräfte, die sich mit Embedded Software befassen, setzen sie ein.
Kandidatinnen und Kandidaten mit Erfahrung in Softwareentwicklung punkten bei der Bewerbung. Die Software Matlab/ Simulink gehört eher zum Handwerkszeug von Elektroingenieuren. Sie fertigen damit Simulationen komplexer mechanischer oder elektrischer Systeme an. Die Programmiersprache Python, die für etwa jede zehnte Position benötigt wird, kommt oft dort zum Einsatz, wo sehr große Datenmengen im Spiel sind, zum Beispiel bei der Auswertung von Sensordaten oder bei maschinellem Lernen.
Spezifisches IT-Wissen gehört zum Alltag in der Elektrotechnik: Werden die Stellenangebote der Fachbereiche separat betrachtet, kommen hier entsprechende Kenntnisse fast doppelt so häufig vor als bei der Disziplin Maschinen- und Fahrzeugbau (69,0 vs. 34,7 %).
Diverse Fachrichtungen möglich
Arbeitgeber setzen in der Regel ein abgeschlossenes Studium voraus. In nicht ganz jedem zehnten Fall kommt für die Aufgaben alternativ auch die Aufstiegsweiterbildung zum Techniker in Frage (9,1 %) und vereinzelt sind Jobsuchende mit Berufsausbildung und spezifischer Erfahrung eingeladen, sich zu bewerben (3,4 %). Was die gewünschten Studienfächer betrifft, zeigen sich Recruiter vergleichsweise flexibel; sie nennen durchschnittlich 2,4 Fachrichtungen, die für eine Position infrage kommen. Wer Elektrotechnik studiert hat, hat sehr gute Chancen am Arbeitsmarkt. In den Stellenanzeigen sind die Fächer Mechatronik, Informatik sowie Fahrzeugbau die meistgenannten Alternativen zu Elektrotechnik (in absteigender Reihenfolge). Die Studienrichtung Fahrzeugbau kommt hingegen am häufigsten kombiniert mit Elektrotechnik, Mechatronik und Maschinenbau vor. Dies zeigt: Es gibt viele Schnittmengen zwischen den Fachrichtungen Elektrotechnik sowie Fahrzeug- und Maschinenbau. Jobsuchende, die ein gewisses Querschnittswissen vorweisen können oder bereit sind, sich dieses anzueignen, sind bei der Jobsuche zukünftig im Vorteil.